Gmail zu verlassen, war mein erster großer Schritt im De-Googling-Prozess. Einen Tag für Einrichtung, Migration und Testing, am zweiten Tag dann noch ein paar Anpassungen hier und da. Und das Timing passte eigentlich ganz gut: Während ich auf meinen Google Takeout für die Fotos gewartet habe, war die Mail-Migration quasi schon durch.
E-Mail-Adressen begleiten viele Menschen mittlerweile über Jahrzehnte. Meine erste Adresse habe ich damals 2007 bei Google erstellt. Seitdem hängt daran gefühlt mein halbes digitales Leben. Alte Accounts, Rechnungen, Registrierungen, private Gespräche, Kontakte und wahrscheinlich irgendwo noch ein Forum-Login aus einer Zeit, in der man im Internet noch blinkende Signaturen hatte.
Genau deshalb war mir beim Wechsel wichtig, nicht einfach irgendeinen Anbieter zu nehmen, sondern einen Dienst, bei dem ich mir vorstellen kann, dort wieder viele Jahre zu bleiben.
Warum Fastmail überhaupt auf meiner Liste gelandet ist
Bei der Recherche tauchten natürlich sofort die üblichen Namen auf: Proton, Tuta, Mailbox.org, Posteo und einige weitere. Ich habe mir viele Erfahrungsberichte angeschaut und vor allem zwei YouTube-Videos, die ich euch hier direkt verlinke. Das erste ist ein sehr ausführlicher und gut gemachter Vergleich zwischen Proton, Tuta und Fastmail –> wer sich vorab tiefer damit befassen will, sollte dort anfangen. Hier ein Bild zum Vergleich aus dem Video:

Das zweite Video hat mich dann letztlich für Fastmail überzeugt: Ein Creator zeigt dort, warum er seit über acht Jahren bei Fastmail geblieben ist. Und genau so etwas schafft Vertrauen, nicht irgendein Sponsored Post, sondern jemand, der das seit Jahren wirklich nutzt.

Und genau dort fiel ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist: „Fastmail fühlt sich einfach schnell an.“
Das klingt erst mal banal, war für mich aber tatsächlich ein wichtiger Punkt. Ich arbeite beruflich extrem viel mit E-Mails. Suche, Regeln, Weiterleitungen, mehrere Domains und ein sauber funktionierender Arbeitsablauf sind für mich kein Luxus, sondern Alltag. Das hatte bei Gmail Business sowie auch privat im kleinen Kreis zuverlässig funktioniert.
Je tiefer ich mich mit den verschiedenen Diensten beschäftigt habe, desto klarer wurde mir: Viele Zero-Knowledge-Anbieter erkaufen sich ihre Sicherheit mit Komfort. Das ist nicht böse gemeint, das ist technisch einfach die Konsequenz daraus, wenn Daten verschlüsselt sind.
Der Punkt mit Zero Knowledge
Mir ist völlig klar, dass es Menschen gibt, die konsequentes Zero Knowledge wirklich benötigen. Investigative Journalisten, politische Aktivisten oder Personen, die in Ländern leben, in denen digitale Kommunikation tatsächlich gefährlich werden kann. Zum Glück gehöre ich nicht dazu.
Und genau deshalb musste ich irgendwann ehrlich zu mir selbst sein:
Brauche ich für meinen normalen privaten und beruflichen Alltag wirklich kompromissloses Zero Knowledge?
Denn je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigt habe, desto mehr wurde mir klar, dass verschlüsselte E-Mails im Alltag oft deutlich komplizierter sind, als viele denken. Wenn ich Proton, Tuta oder Fastmail nutze und eine verschlüsselte Mail verschicke, ist der Transportweg an sich natürlich auch geschützt. Aber spätestens dann, wenn die Nachricht im normalen Gmail-Postfach meines Gegenübers landet, liegt sie dort wieder ganz klassisch lesbar vor.
Kurzer Exkurs zur Transportverschlüsselung von E-Mails:

Deshalb bieten viele dieser Dienste zusätzlich browserbasierte Kommunikation an. Der Empfänger bekommt dann keine normale Mail, sondern eine Benachrichtigung: „Sie haben eine verschlüsselte Nachricht erhalten.“
Wenn Sicherheit plötzlich Erklärungsbedarf erzeugt
Ein konkretes Beispiel: Ich musste sensible Dokumente an eine Versicherungsagentur schicken, unter anderem einen Arztbrief. Dafür nutze ich tatsächlich Tuta, weil ich solche Dokumente nicht einfach unverschlüsselt per Standard-Mail verschicken möchte.
Also verschickt Tuta eine geschützte Nachricht mit Passwortzugang. Technisch funktioniert das super. Praktisch klingelt dann manchmal das Telefon: „Ich kann Ihre E-Mail nicht öffnen.“
Dann erklärt man erst einmal: „Ja, die Mail ist wirklich von mir. Bitte klicken Sie auf den Link. Das Passwort lautet xyz.“
Und genau dort merkt man: Sicherheit erzeugt manchmal Reibung. Das ist völlig okay, aber man muss ehrlich sagen, dass solche Lösungen nicht immer so bequem funktionieren wie normale E-Mail-Kommunikation. Denn E-Mails sind am Ende immer noch ein wenig wie Postkarten des Internets.
Beispiel Tuta(nota) Mail
So würde eine eMail an den Empfänger aussehen. Bei Tuta (früher Tutanota) kann man zudem direkt wählen, in welcher Sprache diese Nachricht gesendet werden soll.

Der Empfänger loggt sich dann im Browser mit dem Passwort, welches du am besten auf einem anderen Kommunikationsweg zur Verfügung stellst, in eine Art „verschlüsseltes temporäres Postfach“ ein.

Hier könnte in diesem Beispiel dann, die Versicherungsagentur einfach meine Dokumente verschlüsselt herunterladen, oder mir auch etwas zukommen lassen
Beispiel Proton Mail
Proton verzichtet auf die Auswahl der Sprache und bleibt einfach international auf Englisch in seinen Hinweisen.

Die eigentliche Kommunikation findet anschließend genau wie bei Tuta im Browser statt und eben nicht im normalen Mailprogramm.

Bei allen Anbietern kann man auch direkt im Browser verschlüsselt antworten (würde auch sonst keinen Sinn ergeben, oder?).

Das funktioniert technisch gut. Aber es verändert den kompletten Kommunikationsfluss. Für mich als Absender bleibt alles bequem in Proton Mail oder Tuta.


Kurzfazit für verschlüsselte externe eMails
Als Sender der eMail möchte ich sichergehen, dass mein Empfänger auch versteht, was ich von ihm möchte, und zwar erst einmal inhaltlich und unabhängig vom Grad des Schutzes oder davon, ob seine eMails bei Proton, Tuta oder woanders liegen.
Mein Gegenüber dagegen sitzt plötzlich im Browser, klickt auf Links, tippt Passwörter ein oder versteht vielleicht erst einmal gar nicht, warum die Mail „nicht sichtbar“ ist, wie sonst auch.
Hier bedarf es dann ggf. eines Anrufs und weiterer Unterstützung beim ersten Mal mit so einer verschlüsselten Kommunikation. Ich habe meine Versicherungsagentur angerufen und bin das eben durchgegangen. Das Passwort habe ich dann telefonisch übergeben. Für die Zukunft ist dieser sichere Ablauf nun bekannt.
Warum ich trotzdem nicht auf Zero Knowledge umgestiegen bin
Wenn ich konsequente Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wirklich perfekt leben möchte, müssten eigentlich beide Seiten denselben Ansatz verfolgen. Beide müssten passende Dienste nutzen, passende Prozesse akzeptieren und bereit sein, außerhalb klassischer Mailprogramme zu kommunizieren.
Für hochsensible Kommunikation ergibt das absolut Sinn, wie z. B. Journalisten untereinander. Für meinen normalen Alltag wollte ich einen pragmatischeren Weg.
Deshalb nutze ich heute beides: Fastmail für normale private und berufliche Kommunikation und Tuta weiterhin für sensible Dokumente oder spezielle Fälle. Nicht dogmatisch, sondern situationsabhängig.
Warum Australien für mich okay war
Natürlich kam bei Fastmail sofort die Frage: „Moment mal. Australien? Wolltest du nicht eigentlich raus aus dem Übersee-Ökosystem?“

Ja. Absolut. Aber genau deshalb fand ich Fastmail überhaupt erst interessant: Sie sitzen eben nicht in den USA und unterliegen dadurch nicht direkt dem amerikanischen CLOUD Act. Das bedeutet natürlich nicht automatisch perfekte Unsichtbarkeit. Aber es war für mich trotzdem ein bewusster Schritt raus aus der direkten Abhängigkeit amerikanischer Big-Tech-Konzerne wie Google. Und keine Behörde der USA, kann einfach ungefragt in meine eMails schauen.
US-Unternehmen können unter Gesetzen wie dem CLOUD Act verpflichtet werden, Daten an Behörden herauszugeben. In bestimmten Fällen dürfen Anbieter Nutzer darüber nicht einmal aktiv informieren.
Die Schweiz ist nicht immer die Beste Wahl
Und auch hier habe ich während der Recherche wieder gemerkt: Datenschutz ist nichts Statisches. Gerade in der Schweiz gibt es aktuell politische Diskussionen über neue Überwachungsregelungen. Interessant fand ich deshalb auch einen Nebensatz von Proton rund um ihre Lumos-AI-Themen.

Dort wurde erwähnt, dass Teile der Infrastruktur künftig in die EU verlagert werden sollen. Die Schweiz galt jahrelang fast automatisch als Synonym für Datenschutz.
Comment
by u/JonahAragon from discussion
in ProtonMail
Und plötzlich merkt man: Selbst solche Rahmenbedingungen verändern sich mit der Zeit.
Warum nun Tuta(nota) und nicht Proton Mail
Wobei ich an dieser Stelle kurz erklären muss, warum es bei verschlüsselten Mails dann Tuta geworden ist und nicht Proton: Ich habe seit Jahren ein Proton-Konto und habe es damals auch bezahlt getestet. Proton ist gut, keine Frage. Aber Proton ist mittlerweile weit über verschlüsselte E-Mails hinausgewachsen. Drive, Docs, Sheets, Pass, VPN, Meet und seit Kurzem sogar Lumo AI.

Und genau da war für mich die Grenze. Ich wollte das Google-Ökosystem verlassen, nicht das nächste Ökosystem betreten. Wer alles bei Proton macht, tauscht im Grunde nur das Logo aus (und natürlich auch mehr Sicherheit und Datenschutz), hängt aber wieder komplett an einem einzigen Anbieter in einem System. Das war nicht mein Ziel. Also E-Mail über Fastmail, verschlüsselte Kommunikation über Tuta, Dateien woanders. Nicht alles an einem Ort, bewusst verteilt.

Tuta hieß früher Tutanota, zusammengesetzt aus dem Lateinischen für „sichere Nachricht“. Klingt gut auf dem Papier, im echten Leben aber weniger. Wer jemals versucht hat, am Telefon eine Tutanota-Adresse zu diktieren, weiß, wovon ich rede. Die Umbenennung zu Tuta war also nicht nur Branding, sondern schlicht genial und etwas überfällig.
Der Wechsel von Gmail zu Fastmail
Die Migration war groß und einfacher als gedacht. Was mir bei Fastmail sofort gefallen hat: Sie machen den Wechsel erstaunlich einfach. Es gibt ein integriertes Migrationstool, das bestehende Postfächer direkt übernehmen kann, und Fastmail kann weiterhin Mails von alten Accounts abrufen und regelmäßig synchronisieren. Kein IMAP-Schubsen im Clienten wie früher.

Gerade das war für mich essenziell. Denn realistisch gesehen verschwindet eine alte E-Mail-Adresse nicht einfach von heute auf morgen, dafür hängen zu viele Dienste, Accounts und alte Kontakte daran.
Meine Migration lief deshalb schrittweise. Erst die E-Mails importiert, neue Regeln gebaut, Weiterleitungen eingerichtet, alte Accounts Stück für Stück angepasst und gleichzeitig beobachtet, welche Mails überhaupt noch wo ankommen.
Fastmail: funktional statt fancy
Wer Fastmail zum ersten Mal öffnet, merkt schnell: Das ist kein poliertes UI wie bei Proton Mail. Kein Dark Mode mit Glassmorphism, keine aufwendigen Animationen, nichts, was auf den ersten Blick besonders modern wirkt.

Aber alles ist sofort da: Kalender, Dateien, Notizen, Kontakte, gewissermaßen alles direkt in einer Oberfläche erreichbar, ohne dass man erst eine neue App im Browser laden oder zwischen fünf Tabs hin und her wechseln muss.

Wer Google kennt, weiß, wie das dort läuft: Mail öffnen, dann den Kalender in der Seitenleiste öffnen, oder direkt per Icon öffnen, dann im neuen Tab Google Drive öffnen, dann merkt man, dass man noch einen Tab offen hat, den man gar nicht wollte.

Fastmail fühlt sich dagegen an wie ein Werkzeug, das einfach funktioniert. Nicht besonders fancy und schön um der Schönheit willen, sondern schnell, einfach, sehr funktional, alles direkt im gleichen Fenster. Und genau das schätze ich nach ein paar Tagen schon mehr, als ich erwartet hatte.

Wer sich fragt, warum mein Fastmail Drive komplett leer ist: Absicht. Dateien liegen bei mir in der pCloud (auch aus der Schweiz), wieder das Prinzip: nicht alle Eier in ein Nest. Und auch hier muss ich noch weiterdenken bzgl. der Proton-Ankündigung, ob ich dort bleibe.
Ich nutze Fastmail ausschließlich für E-Mail und alles, was direkt damit zusammenhängt. Aber ich will nicht verschweigen, dass das Feature praktisch ist: mal eben schnell eine Datei hochladen und per teilbarem Link verschicken, ohne erst ein extra Tab öffnen zu müssen. Für gelegentliche Dinge eine feine Sache.
Die Sache mit den Kosten
Und dann ist da noch der Preis, den ich wirklich mehr als fair finde. Für Privatpersonen gibt es Individual für 5 EUR im Monat, Duo für 8 EUR für zwei Personen und Family für 11 EUR im Monat für bis zu sechs Familienmitglieder.

Für Business-Nutzer geht es bei 3 EUR los und reicht bis 9 EUR pro Nutzer und Monat.

Wer vorher wie ich Google Workspace genutzt hat, zahlt dort schnell 16 EUR und mehr pro Nutzer im Monat. Fastmail kostet für Privatnutzer ab 5 EUR, für Business ab 3 EUR pro Nutzer, und liefert dafür zuverlässige E-Mail, Kalender, Kontakte und Dateiablage. Für Fotos nutze ich PixelUnion, dazu aber mehr im separaten Artikel. Unterm Strich zahle ich heute weniger als vorher und habe dabei mehr Kontrolle darüber, wo meine Daten liegen.
Maskierte E-Mails: der kleine Trick mit großer Wirkung
Eine Funktion, die ich vor Fastmail so nur von Apple kannte und die ich mittlerweile regelmäßig nutze, maskierte oder sogn Alias E-Mail-Adressen. Das Prinzip ist simpel: Statt überall meine echte Adresse anzugeben, erstelle ich für jeden neuen Dienst eine einzigartige Alias-Adresse. Für Newsletter, Rabattaktionen, Onlineshops oder Registrierungen, bei denen ich nicht genau weiß, wie sorgfältig der Anbieter mit Daten umgeht.

Die Mails landen trotzdem ganz normal in meinem Postfach. Und wenn ich irgendwann keine Lust mehr auf einen Newsletter habe, lösche ich einfach die Alias-Adresse und höre nie wieder etwas davon. Kein Abmelden, kein „Sie wurden erfolgreich ausgetragen, es kann noch bis zu 30 Tage dauern“.

Wer 1Password nutzt, freut sich außerdem: Fastmail lässt sich direkt damit verbinden, sodass beim Registrieren neuer Dienste automatisch eine maskierte Adresse vorgeschlagen wird.
1Password sitzt zwar in Kanada, nutzt aber teilweise US-Infrastruktur und könnte damit theoretisch unter den US CLOUD Act fallen. Wichtig ist aber: Die Daten sind Ende-zu-Ende verschlüsselt, sodass selbst 1Password keinen Zugriff auf die Inhalte des eigenen Tresors hat.
Das bedeutet:
• 1Password selbst kennt mein Master-Passwort nicht
• Zusätzlich gibt es den Secret Key
• Die Server speichern nur verschlüsselte Daten (Zero Knowledge).
• Selbst bei Herausgabe der Daten wären das praktisch nur verschlüsselte Blobs
Realistisch betrachtet:
• Ja, theoretisch könnte eine Behörde verschlüsselte Tresordaten anfordern
• Nein, 1Password und die Behörde können meinen Vault, mit der Technik von heute nicht entschlüsseln
Ein wichtiger Hinweis dazu: Wer eine maskierte Adresse löscht, kann sie nicht mehr originalgetreu wiederherstellen. Wenn ein Log-in, zum Beispiel bei einem Onlineshop, nur über diese Adresse läuft, hat man danach ein Problem. Also lieber eine dieser maskierten E-Mails blockieren. Dann landet alles direkt im Papierkorb.

Versenden über eine „maskierte E-Mail“ ist zudem auch problemlos möglich:

Eigene Domains einfach nutzen
Was mich beim Thema Domains positiv überrascht hat. Der Umzug war deutlich unkomplizierter als erwartet, auch wenn meine Ausgangssituation alles andere als simpel war. Meine Firmendomain lief über Google Workspace, andere Domains lagen bei verschiedenen Providern mit alten IMAP-Zugängen und veralteten Webmail-Systemen. Alles an einem Ort zusammenzuführen, war eigentlich, auch ein Punkt, warum ich Fastmail so interessant fand.

Der Prozess selbst funktioniert zuverlässig, aber es gibt einen Punkt, den man unbedingt wissen sollte:
Solange dort noch ein alter Eintrag steht, lässt sich der Prozess im System nicht abschließen. Zwei MX-Einträge parallel funktionieren hier nicht.

Wer möchte, kann übrigens trotzdem noch zusätzliche Postfächer (1)beim alten Provider behalten, zum Beispiel für technische Dienste wie WordPress-Benachrichtigungen oder Ähnliches. Fastmail verwaltet dann die Domain für den E-Mail-Empfang, während der alte Provider weiterhin für bestimmte Zwecke genutzt werden kann. Spannend sind auch die Weiterleitungsoptionen, je nach Anforderung, wie z. B. als Catch-All oder Helpdesk-Adresse.

Eigene Filter & Regeln
Nicht zu unterschätzen: Wenn man seit Dekaden eine eMail hat, gibt es hier sicher auch Vorlieben für Filter und speziell Regeln. Und hier kann ich bestätigen, dass man echt viele Optionen bei Fastmail hat:

Separate Einstellungen pro E-Mail-Adresse
Jede einzelne E-Mail-Adresse lässt sich individuell konfigurieren. Für jede Adresse kann ich festlegen, ob eingehende Mails direkt in einem bestimmten Ordner landen, an eine andere Adresse weitergeleitet werden oder still im Papierkorb verschwinden. Dazu kommen ein eigener Absendername und eine individuelle Signatur pro Adresse.

Das klingt erst einmal nach einem Nerd-Detail, ist im Alltag aber Gold wert. Mails an team @ toolgui . de landen so automatisch im richtigen Ordner, gehen mit der passenden Signatur raus und ich muss dafür nicht zwischen verschiedenen Accounts hin- und herwechseln. Alles in einer Oberfläche, alles sauber getrennt.
Und wer eine Domain hat, die gar nicht bei Fastmail liegt, kann trotzdem über Fastmail versenden. Die SMTP-Einstellungen lassen sich pro Adresse hinterlegen, sodass Fastmail genutzt wird, auch wenn die Domain woanders gehostet ist.

Die unterschätzte Sache mit meinen 202 Google-Logins
„Mit Google anmelden“ ist genial. Ein Klick und man ist drin. Kein Passwort merken, kein Registrierungsprozess, alles schnell und bequem.
Genau deshalb hatte ich am Ende laut Passwortmanager tatsächlich 202 Accounts, die über Google-SSO liefen. Und ich habe mir die Mühe gemacht, wirklich jeden einzelnen umzubauen. Das hat fast einen kompletten Tag gedauert.

Manche Dienste waren vorbildlich: einfach über Google einloggen, Passwort vergeben, Verknüpfung entfernen, fertig. Andere dagegen waren erschreckend schlecht vorbereitet. Also musste ich teilweise absurde Umwege gehen, die „Passwort vergessen“-Funktion benutzen, nur um überhaupt erst einmal ein Passwort setzen zu können. Erst danach konnte ich mich normal anmelden und die Google-Verbindung trennen.

Dort hieß es sinngemäß: „Sie besitzen ein Google-Konto. Deshalb können Sie kein Passwort vergeben.“

Und tatsächlich gibt es bis heute zwei Dienste, die ohne Google überhaupt nicht funktionieren. Dort existieren ausschließlich Google-Login, Apple-Login oder Office-365-Login, eine klassische Mail-Registrierung wird gar nicht angeboten.

Bei einem davon sagte mir der Support sogar offen: Wenn ein Account einmal per Google-SSO erstellt wurde, könne man die Verbindung nicht mehr entfernen. Der einzige Weg wäre, den Account komplett zu löschen und neu anzulegen.

Genau solche Dinge merkt man erst dann, wenn man versucht, das System wieder zu verlassen.
Der Punkt, an dem ich einen Google-Kalender doch behalten musste
Mein komplettes privates und berufliches Leben lief über Jahre im Google-Kalender. Termine, Kundencalls, Familienplanung, Schulveranstaltungen, Erinnerungen, automatische Buchungen via Calendly und gefühlt jeder zweite Workflow hing irgendwie daran. Auch wenn es getrennte Konten (Privat & Business) gab, hängt alles in einem Ökosystem.
Fastmail bringt natürlich auch einen eigenen Kalender mit und unterstützt das allseits bekannte CalDAV Format auch in der Ausgabe. Für den normalen Alltag funktioniert das erstaunlich gut, Mac, Windows, iPhone, kein Problem.

Die Schwierigkeiten kamen erst dort, wo Automatisierungen ins Spiel kamen. Sobald man Dienste wie Calendly, Booking Like A Boss oder anny.co beruflich nutzt, merkt man schnell: Die meisten dieser Plattformen unterstützen für automatische Kalender-Synchronisationen hauptsächlich Google, Apple und Microsoft. Und genau dort endet häufig schon die CalDAV-Welt.
Das Problem ist nicht der Kalender selbst, der funktioniert wunderbar. Das Problem ist das Ökosystem drumherum. Früher bestand Terminplanung oft aus endlosen Mails: „Kannst du Dienstag?“ „Nee, Mittwoch.“ „Wie sieht Freitag aus?“ Heute klickt jemand einfach auf einen Link, sieht freie Zeiten und bucht direkt. Das möchte ich zugegebenermaßen nicht mehr missen.

Deshalb bleibt ein Gmail-Konto weiterhin bestehen, nicht mehr als Hauptsystem, sondern als technische Brücke für genau diese Dienste. Das Konto läuft im kostenlosen Modus weiter und enthält einen speziell dafür angelegten Kalender.
Finde ich das gut, hierfür wieder Google zu nutzen? Ganz ehrlich: nein. Aber irgendwann muss man die Kirche im Dorf lassen.
Diese Buchungstools sparen im Alltag absurd viel Zeit. Kein endloses „Kannst du Dienstag?“, kein E-Mail-Pingpong, kein manuelles Kalenderabgleichen. Jemand klickt auf einen Link, sieht freie Zeiten und bucht direkt. Fertig. Und dieser Komfort ist für mich beruflich gerade wichtiger als die letzte Konsequenz beim De-Googling.

Der Gmail-Kalender ist damit keine Hauptrolle mehr, sondern eine technische Brücke. Termine aus Calendly oder anderen Buchungstools landen dort, synchronisieren sich über CalDAV zu Fastmail und ich sehe alles an einem Ort. Mein eigentlicher Alltag, meine Mails und mein digitales Leben spielen sich inzwischen bei Fastmail ab.
Wartet mit dem Löschen der alten Accounts!
Falls ihr irgendwann selbst über solch einen Wechsel nachdenkt: Lasst euren alten Mail-Account erst einmal parallel weiterlaufen. Wirklich. Auch wenn es Geld kostet.
Ich habe meinen alten Google-Account bewusst noch aktiv gelassen und genau das hat mir mehrfach den Hintern gerettet. Immer wieder tauchten alte Accounts, vergessene Logins oder unerwartete Dienste auf, die noch an der alten Adresse hingen (welche nicht im Passwortmanager waren).
Hätte ich den Account direkt gelöscht, hätte ich wahrscheinlich wochenlang mit irgendwelchen Support-Abteilungen diskutieren dürfen.
Für den privaten Bereich lässt sich De-Googling vollständig umsetzen. Im Business-Bereich muss man an manchen Stellen ehrlich sein und ggf. bewusst Brücken bauen, wo das Ökosystem der großen Anbieter noch keine saubere Alternative zulässt. Das kostet Zeit, manchmal auch Nerven und das eine oder andere Wochenende. Es lohnt sich, die eigene Datenhoheit wieder in Angriff zu nehmen und nicht länger alle Eier in ein Nest zu legen. Nicht als radikales Manifest, sondern als bewusste Entscheidung.
Von Chrome zu Brave und warum nicht Firefox
Lange bin ich beruflich in Google Chrome gesessen. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit und weil mein Workflow es so verlangt hat. Bezahlte Extensions wie TextExpander sind tief in meinen Alltag integriert – häufig verwendete Textbausteine, E-Mail-Vorlagen, Phrasen, die ich mit wenigen Zeichen abrufe. Das spart mir täglich enorm viel Zeit, und ich wollte das nicht opfern.
Also habe ich verglichen. Ernsthaft und über einen längeren Zeitraum.
Mullvad Browser ist, gemeinsam mit dem Tor-Projekt entwickelt, auf maximale Anonymität ausgelegt. Er entfernt Browser-Fingerprinting so weit wie möglich und liefert damit eines der konsequentesten Datenschutzkonzepte, die es aktuell gibt. Für jemanden, der wirklich untertauchen will, ein starkes Werkzeug. Für meinen Alltag ist er zu restriktiv – viele Webseiten verhalten sich merkwürdig, Extensions gibt es kaum, der Workflow-Gedanke ist dort schlicht nicht das Ziel.
Safari macht im Apple-Ökosystem eine sehr gute Figur: Intelligent Tracking Prevention, Privacy Reports, enge Integration mit iCloud Keychain. Privat nutze ich Safari, und dort funktioniert das gut. Aber sobald Windows oder Linux ins Spiel kommen, ist Safari raus. Kein plattformübergreifender Einsatz, keine Option für mich beruflich.
Firefox hat mich am längsten beschäftigt. Eigene Engine, seit Jahrzehnten die unabhängige Alternative, läuft auf Mac, Windows, Linux und mobil, und mit uBlock Origin einen der besten Adblocker überhaupt. Auf dem Papier die sauberste Wahl für konsequentes De-Googling. Das Problem: meine bezahlten Extensions laufen dort nicht zuverlässig. Wenn das nicht wäre, wäre die Entscheidung wahrscheinlich anders gefallen.
Brave hat das Rennen gemacht – und das nicht als Kompromiss, sondern aus Überzeugung. Brave basiert auf Chromium, was bedeutet: meine Chrome-Extensions funktionieren, auch die bezahlten. Der integrierte Ad- und Tracker-Blocker arbeitet direkt auf Browser-Ebene und gehört zu den besten, die es gibt – ohne dass man dafür eine Extension bräuchte. Dazu kommen tiefe Datenschutzeinstellungen, die sich wirklich durchkonfigurieren lassen. Die Oberfläche fühlt sich vertraut an, der Wechsel war reibungslos, und ich vermisse Chrome nicht.
Chromium als Basis ist nicht automatisch ein Datenschutzproblem. Chromium selbst ist Open Source und enthält nicht die Google-spezifischen Telemetriedienste, die in Chrome stecken. Browser wie Brave nehmen Chromium als Fundament, entfernen aber gezielt alles, was nach Hause telefoniert, und bauen eigene Datenschutzfunktionen darauf. Das ist ein echter Unterschied zu Chrome. Firefox geht noch einen Schritt weiter und basiert auf einer komplett eigenen Engine, was bedeutet, dass man dort nicht einmal indirekt von Googles Chromium-Infrastruktur abhängig ist. Für konsequentes De-Googling wäre Firefox auf dem Papier also die sauberere Wahl. Wenn meine Extensions dort liefen, wäre die Entscheidung wahrscheinlich schon gefallen.
Arc, das zeitweise als spannender Newcomer galt, ist seit Mai 2025 eingestellt und bekommt nur noch Sicherheitsupdates – den würde ich heute niemandem mehr empfehlen. Opera fällt für mich persönlich raus: zu viel Schnickschnack, und die Eigentümerstruktur ist kein Vertrauensbeweis.
Fazit
Je tiefer ich in dieses Thema eintauche, desto mehr merke ich: Digitale Unabhängigkeit ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhakt. Es ist ein dauernder Balanceakt zwischen Komfort, Kontrolle, Geschwindigkeit und Sicherheit.
Digitale Unabhängigkeit bedeutet nicht zwangsläufig, alles radikal abzuschalten und aus dem Netz zu verschwinden. Manchmal bedeutet es einfach nur, bewusster zu entscheiden, welche Abhängigkeiten man akzeptiert und welche nicht. Für mich war der Google-Kalender ein Kompromiss, den ich bewusst eingehe, nicht weil ich Google unbedingt behalten möchte, sondern weil der praktische Nutzen im Alltag aktuell einfach größer ist als der Nachteil.
Aktuell fühlt sich Fastmail für mich wie der richtige Weg an. Schnell genug für meinen Alltag, unabhängig genug für mein eigenes Gefühl und pragmatisch genug, dass ich meine Zeit lieber mit Familie verbringe, statt nachts Docker-Logs zu analysieren, weil beim Self-Hosting das Update nicht lief.
Und vielleicht ist genau das inzwischen meine eigentliche Definition von digitaler Freiheit geworden.
Und bei euch?
Nutzt ihr Proton, Tuta, Fastmail, Brave oder Firefox oder habt ihr einen ganz anderen Weg gefunden? Ich bin gespannt, wie andere mit diesem Thema umgehen. Schreibt es gerne in die Kommentare, besonders wenn ihr Erfahrungen mit Booking-Tools und CalDAV habt. Das Thema beschäftigt mich noch immer.
